Das Innsbrucker Kunstgeschichte-Institut zeigt in einem römischen Gefängnis die internationale Gruppenausstellung "Cella".
Sie gilt im behäbigen Rom bereits als dichteste Ballung internationaler zeitgenössischer Kunst seit Langem: die gerade eröffnete Ausstellung „Cella“, erdacht von den Kunsthistorikern der Universität Innsbruck. Aber warum geht Innsbruck ausgerechnet nach Rom? Weil die Österreicher nur hier, unter Professor Christoph Bertsch, diesen einzigartigen Raum gefunden haben: die „Jugendbesserungsanstalt“ des Barockarchitekten Carlo Fontana.
Erbaut auf päpstlichen Wunsch Anfang des 18.Jahrhunderts, gilt der Komplex San Michele a Ripa in Trastevere als der erste moderne, „aufgeklärte“ Gefängnisbau überhaupt. Fontana ließ Unmengen von Licht dort hinein, wo vordem nur Kerkerhöhlen waren – er tat es aber nicht nur aus Menschlichkeit, sondern auch der besseren Überwachung wegen. Die jungen Häftlinge lebten in Einzelzellen, die sich in drei Stockwerken übereinander zu einer zentralen Halle hin öffneten. Dort arbeiteten die Gefangenen in Stille, von Nonnen angeleitet, und bekamen eine fundierte, „zum Menschen erziehende“ Ausbildung in Textilberufen.
Die Häftlinge waren eine Gemeinschaft; die Ausgegrenzten der Gesellschaft grenzten sich ihrerseits ein, und in diesem perspektivischen Wechselspiel zwischen Aus- und Eingrenzung bewegt sich das Ausstellungsprojekt. Jedem der 38 Künstler stand eine eigene Zelle zur Verfügung – oder eine Gewölbenische im großen Speisesaal.
Da ist die Videoinstallation der Schweizerin Pipilotti Rist, die sich am Fenster ihres Wohnblocks Nase, Lippen, Ohren und Wangen in grotesk verzerrender Weise plattdrückt, nur um durch die Scheibe, diese unsichtbare Wand aus Käfigstäben, nach draußen zu kommen. Da sind die Fotos aus Guantánamo und dem afghanischen Geheimgefängnis Bagram, die in ihrer Kälte einen dubiosen Strafvollzug als „klinisch rein“ erscheinen lassen.
Da ist der Münchner Aktionskünstler FLATZ, der sich selbst zum „Häftling Nr.491952“ gemacht hat und die dreiwöchige Ausstellung auf einer recht unappetitlichen Matratze in der Anstalt verbringen will – stilecht begleitet von Berlioz' Schafottmusik aus der „Phantastique“. Und da ist der österreichische Konzeptkünstler Thomas Feuerstein, der in einer Glasskulptur – soll sie nun eine Krake oder eine habsburgische Herrscherkrone nachbilden? – Schleimpilze herumkriechen lässt, um zu zeigen, dass Zusammenarbeit der einen und Ausgrenzung der anderen nicht nur eine menschlich-rationale Angelegenheit ist, sondern dass derlei schon in der allerprimitivsten Natur vorkommt.
In „Cella“ sind des Weiteren Künstler wie Jannis Kounellis, Yves Netzhammer, Gregor Schneider, Daniel Richter oder Gerwald Rockenschaub zusammengeschlossen. Es sind gesellschaftliche Anklage, nüchterne Bestandsaufnahme und das Glück des „kleinen, aber meinen“ Raums vereint.
Die Sprachlosigkeit allerdings auch. Eine Hinführung zu Werken und Künstlern gibt es praktisch nicht; ein Katalog erscheint erst im Jänner. Dann ist das Projekt längst Geschichte. Und selbst die besten Ausstellungsfotos werden den Genius Loci, diesen perfekten Dialog zwischen Carlo Fontanas historischem Ensemble und dessen modernen Mietern, nicht wiedergeben können.